Als Simon Ohler 2014 für sein Praxissemester bei Twitch nach London aufbrach, wusste er nicht, welch steile Karriere ihm bevorstehen würde. Was für den OMM-Alumnus als Begeisterung fürs Gaming begann, entwickelte sich im Laufe seiner ersten Studienjahre schnell zum handfesten Berufswunsch. Doch wie Fuß fassen in einer Branche, die zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen steckte? In diesem Interview berichtet Simon von seinem Weg in die Gaming- und E-Sports-Branche. Wir erfahren, was in ihm die Faszination für E-Sports weckte und wieso gerade OMMler wie für die Branche geschaffen sind.

Wann und wodurch wurde deine Leidenschaft für Gaming und E-Sports geweckt?

Ich hatte schon immer eine Faszination fürs Gaming. Schon während der Schulzeit interessierte ich mich für verschiedene Spiele, hatte jedoch keine Erfahrung im Teamspiel und war weniger daran interessiert, die Strategie hinter den Videospielen zu verstehen. Mein Interesse am kompetitiven Spiel und somit auch am Thema E-Sports wurde erst später, während meines ersten Studiums in Darmstadt, geweckt. Dort schrieb ich mich für den Studiengang Informatik ein, was sich jedoch schnell als eher uninteressant für mich herausstellte. Die Inhalte machten mir keinen Spaß, ich fand keinen Anschluss in der neuen Stadt und verbrachte jede freie Minute mit Videogames, anstatt zu lernen. Zu dieser Zeit entdeckte ich das Echtzeit-Strategiespiel StarCraft ll für mich. Über YouTube stieß ich auf diverse Gaming-Influencer, die Strategie-Content und Livestreams zum Spiel veröffentlichten. Mit der Feststellung, dass ich mich durch ihren Input und das Aneignen von Hintergrundwissen kontinuierlich steigern konnte, wuchs auch die Faszination für E-Sports. Bald begann ich eigene Inhalte zu produzieren und fing an selbst live zu streamen.

Hast du schon während deines Studiums mit dem Gedanken gespielt, mit Gaming Geld zu verdienen?

Ein Teil von mir möchte sagen, dass es schon immer mein Traum war, mit Gaming Geld zu verdienen. Schon in Zeiten von Poesie-Alben und Co. schrieb ich hinter „Mein Traumberuf“ immer „irgendwas mit Computern“. Die Realität sah jedoch anders aus: Als 2010 die ersten Gaming-YouTuber anfingen, offen über ihre Tätigkeit und die damit verbundene Monetarisierung ihres Contents zu sprechen, war das für viele Abonnenten Neuland. Auch ich hatte keine Ahnung, wie das Geschäft hinter den Online-Gamern aussah. Als dann im Juni 2011 das Live-Streaming-Videoportal Twitch geboren wurde, wusste ich sofort, dass dies das Unternehmen war, für das ich arbeiten wollte, denn die Plattform ermöglichte genau das, was ich so faszinierend fand: mit Gaming Geld zu verdienen.

Wie bist du letztlich bei Twitch gelandet und welche Rolle spielte das OMM-Studium dabei?

Durchs Online-Gaming, insbesondere das Spielen von StarCraft ll, hatte ich schon früh viel Kontakt zu anderen Spielern auf der ganzen Welt, von denen einige für Twitch arbeiteten. Die entscheidende Gelegenheit bot sich mir dann 2011 auf der gamescom in Köln, der weltweit größten Messe für Computer- und Videospiele. Über Gaming-Freunde lernte ich den Mitbegründer von Twitch kennen: Kevin Lin. Ich erzählte ihm von meinem Interesse, für sein Unternehmen zu arbeiten und er stellte mir eine einfache Frage: “What do you want to do? You gotta know what you want to do!”. Einfacher gesagt als getan. Heute weiß ich, dass ich schon damals einige Fähigkeiten hätte vorweisen können, doch diese Gewissheit und Selbstsicherheit hatte ich mit Anfang 20 noch nicht. Ich sagte ihm also, dass ich der Frage auf den Grund gehen und mich dann wieder bei ihm melden würde. Gesagt, getan. Ich wollte also etwas lernen, was mich dazu qualifizierte, für mein Traumunternehmen zu arbeiten. Auf der Suche nach geeigneten Studiengängen stieß ich auf die HdM und den Studiengang Online-Medien-Management. Inhalte wie Online-Marketing und Social Media passten sehr gut in das Skill-Set, welches ich mir aufbauen wollte. Ich entschied mich für eine Bewerbung und wurde glücklicherweise angenommen. Endlich hatte ich etwas gefunden, was mir Spaß machte, zumal ich mit Twitch ein genaues Ziel vor Augen hatte. Auch das Umfeld war ein ganz anderes: Ich fand schnell Anschluss, hatte coole Kommilitonen und Spaß daran, eine neue Stadt für mich zu entdecken. Im Gegensatz zu meiner Zeit in Darmstadt ging ich nun öfter auf Partys und lebte ein „richtiges“ und vor allem im „echten“ Leben stattfindendes Studenten- und Sozialleben. Das sollte in meiner späteren Berufslaufbahn von Vorteil sein. Als dann das Praxissemester vor der Tür stand, nahm ich meinen Mut zusammen, folgte den Worten des Twitch Co-Founders und verfasst eine Mail an Kevin Lin. Ich teilte ihm mit, dass ich nun wüsste, wie und wieso ich bei Twitch tätig werden möchte und bat um einen Praktikumsplatz. Daraufhin meldete er sich mit einem Jobangebot zurück. Da sich Twitch zu dem Zeitpunkt im Aufbau der Region Europa befand, verwies er mich an die Kollegen in London, genauer an den damaligen Regional Director Stuart Saw. Nachdem alle Formalitäten geklärt waren, packte ich meine Sachen, buchte ein Ticket nach London und startete dort mein Praxissemester.

Welche Aufgaben hast du während deiner Zeit bei Twitch übernommen?

In meinen vier Jahren bei Twitch durchlief ich sämtliche Arbeits- und Karrierestufen. Als ich 2014 in London als einer von sechs Mitarbeitern für die Region Europa startete, hatten wir noch gar kein richtiges Office. Ich arbeitete also im Wohnzimmer meines Chefs. Als klassischer Praktikant habe ich mich dennoch nie gefühlt. Die Jobbezeichnung in meinem Vertrag lautete Localisation Manager. Da der deutsche Markt noch nicht erschlossen war, bekam ich die Aufgabe, eben dies zu tun – aus heutiger Sicht absolute Pionierarbeit. Ich recherchierte, welche deutschen Gamer bereits auf unserer Plattform streamten und welche ich potenziell für uns gewinnen könnte. Danach begann der wichtigste Part: Kundengespräche. Da Twitchs Geschäftsmodell die Streamer als Kunden in den Mittelpunkt stellt, war es meine Aufgabe, sie als plattformseitiger lokaler Ansprechpartner entweder bestmöglich zu betreuen oder davon zu überzeugen, dass unsere Streaming-Plattform und die dazugehörigen Produkte optimal für ihre Zwecke sind. Hier kamen mir vor allem die Soft- und Social-Skills, welche ich durch das OMM-Studium erlangte, zugute. Für die Gaming-Influencer war ich eine zuverlässige Kontaktperson, mit der man gute Gespräche führen konnte, was viele von ihnen überzeugte, fortan über unsere Plattform zu streamen. Das merkten auch meine Vorgesetzten recht schnell, weshalb mir nach acht Wochen eine Festanstellung angeboten wurde. Da ich jedoch noch mitten im Studium steckte und dieses auch nicht abbrechen wollte, einigten wir uns auf einen Kompromiss: Ich blieb in London, wurde Partnerships Associate DACH und beendete meine letzten Semester remote aus der britischen Hauptstadt. Mit der Zeit etablierte ich mich als fester Bestandteil des Unternehmens, wechselte 2016 in die Position des Partnerships Account Manager DACH und wurde im Frühjahr 2018, viereinhalb Jahre nach meinem Start als Praktikant bei Twitch, Partnerships Manager DACH. Zuletzt managte und akquirierte ich sowohl VIP- als auch B2B-     Kunden, arbeitete an unserer Contentstrategie und übernahm zudem Personalverantwortung.

In deiner Zeit bei Twitch haben sich mithilfe deiner Unterstützung die Umsätze der deutschen Content Creator massiv gesteigert. Was war deiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg?

Als ersten und wichtigsten Erfolgsfaktor ist meiner Meinung nach die Plattform selbst zu nennen. Da sich Twitch bewusst dafür entschieden hat, sich auf die Streamer als Kunden zu konzentrieren, war es von Beginn an wichtig, das Angebot optimal an jene anzupassen. Mit      seinem Produktportfolio ermöglicht das Unternehmen den Creatorn, ihren Content auf der Plattform zu streamen und zu monetarisieren. Dies geschieht auf Basis verschiedenster Modelle. Zum einen können Viewer ihre liebsten Streamer unterstützen, indem sie ein Abonnement abschließen. Im Gegenzug profitieren diese von besonderen Vorteilen wie werbefreiem Content. Außerdem hat Twitch eine Art Währung etabliert, die Bits, welche Viewer nutzen können, um den Streamern ihre Anerkennung entgegenzubringen. Ein Großteil der Einnahmen, welche die Plattform generiert, geht dann an den Streamer. Zudem verfügt die Plattform über eine Vielzahl von Werbepartnern, welche Anzeigen auf Twitch schalten.

Wie hat dir dein OMM-Studium dabei geholfen, deine Arbeit für Twitch so erfolgreich zu gestalten?

Neben den Produkten und der einwandfreien Performance der Plattform, ist der Service bzw. das Management der Streamer das A und O.

Dies war auch für mich der wichtigste Part der Arbeit und hier kommt das OMM-Studium ins Spiel. Zum einen verstand ich durch die theoretischen Grundlagen, welche ich während meiner Zeit an der HdM erlangte, wie das Business und die Zusammenarbeit zwischen uns und unseren Kunden funktionierte. Was jedoch noch wichtiger war, waren die Soft-Skills.

Wenn Menschen heutzutage das Wort “Gamer” hören, denken sie oft an Leute, die stundenlang vor dem Computer sitzen und wenig sozial sind. Mit diesem Klischee möchte ich an dieser Stelle gern aufräumen. Gamer sind meiner Erfahrung nach sogar sehr sozial, jedoch verlagert sich die Interaktion oft mehr in den virtuellen Raum. Ich für meinen Teil hatte neben vielen Online-Freunden zudem fantastische Freunde im “echten” Leben jedoch bislang nicht gelernt, meine extrovertierte Seite richtig zu fördern und die damit verbundenen Fähigkeiten herauszuarbeiten. Mit Beginn meiner Zeit in Stuttgart änderte sich dies. Ich verbesserte meine Kommunikations- und Präsentationsfähigkeiten, baute mir in der neuen Stadt einen tollen Freundeskreis auf und schaffte es, meine eigene Personal Development Journey und alles, was ich bislang gelernt hatte, auf meine Arbeit zu übertragen. Als jemand mit dem gleichen Background wie meine Kunden, verstand ich deren Bedürfnisse. Ich half ihnen, ihre Außenwirkung zu optimieren und agierte oft als Coach, wodurch sie mehr Zuschauer erreichen konnten.

Wieso sollte ich mich als OMMler mit den Themen E-Sports & Gaming beschäftigen?

Wenn das OMM-Studium eine zentrale Sache in den Mittelpunkt der Ausbildung stellt, dann ist es die Arbeit und das Agieren im digitalen Raum. E-Sports und die dazugehörige Content Creation sind hier die Prime-Entertainment-Driver. Es ist die Zukunft des Sports und der darin befindlichen Wettkämpfe. Zudem fungiert die Branche als multikulturelle Schnittstelle. Sowohl das reelle Leben als auch Marketing-Maßnahmen verlagern sich in digitale Räume.

Die Arbeitsbereiche als Online-Medienprofi sind grenzenlos. Solange man Lust auf Games hat und offen für Neues ist, findet jeder OMMler seinen Platz in der Branche. E-Sport-Teams funktionieren oft wie kleine Multimediaagenturen. Hier reichen die Möglichkeiten vom Projektmanagement über Medienproduktion und Account Management bis zu Marketingfeldern, wie Influencer- und Social Media Marketing. Doch auch Writer und Analysten sind gefragt, wenn es beispielsweise um die Arbeit für E-Sports Nachrichtenseiten wie den E-Sports Observer geht. Am wichtigsten ist es jedoch, multidisziplinär aufgestellt zu sein. Und wer könnte diese Kriterien besser erfüllen als OMM-Studierende? Ein Tipp von mir: Wer wirklich Fuß in der Branche fassen will, sollte passende Events besuchen. Die E-Sports-Branche ist sehr Event-getrieben und Netzwerken ist essenziell. Hat man einen guten Eindruck bei den richtigen Leuten hinterlassen, sichert einem das schon den halben Job.

Ende 2018 hast du dich für neue berufliche Wege entschieden und Twitch nach mehr als viereinhalb Jahren verlassen. Was ist seitdem geschehen und was sind deine nächsten Schritte?

Nach der sehr intensiven Zeit bei Twitch habe ich mir eine längere Auszeit genommen und mich auf eine philosophische Reise mit Fokus auf meine Introspektive begeben. Ich habe festgestellt, dass ich meine Learnings der letzten Jahre gern weitergeben möchte. Dieser Gedanke führte mich unter anderem zurück an die HdM und in meinen ehemaligen Studiengang Online-Medien-Management, in dem ich zwei Semester lang den Kurs Social Media unterrichtete. Außerdem gründete ich Anfang August das Unternehmen nowMedia. Meine Vision hierbei ist, Coaching und Content zu verbinden. Wo genau die Reise hingehen soll, kann ich noch nicht verraten, aber einen Claim haben wir schon: „The new era of introspective“.

Wir danken Simon herzlich für das spannende Interview und wünschen ihm viel Erfolg bei seinen kommenden Projekten. Wer Lust hat mehr über diese zu erfahren, sollte auf jeden Fall auf Simons Social-Media-Kanälen vorbeischauen. Ihr findet ihn auf Twitter, Instagram und LinkedIn unter @nowsimon.

Für diejenigen, bei denen das Gespräch Begeisterung und Interesse für das Thema E-Sports geweckt hat, gibt es seit diesem Wintersemester 20/21 ein interessantes Angebot für OMMler. Ziel der Lehrveranstaltung „Einführung in die E-Sports-Branche: Ein Curriculum“ wird sein, ein Konzept für eine Esports “Konferenz” zu erarbeiten.

/Julia Treichel

Bildcredits: Simon Ohler